aurich 2011 - girls skate camp


Donnerstag 11. August: Görls, let's rock'n'roll!

 

Nach dreistündiger Autofahrt über eine fast leere A31 kamen Bianca, Luisa und ich im schönen Aurich an, dessen ländlicher Flair uns Großstadtkinder direkt ins Schwärmen brachte. Die Wegweiser zur Playground Hall ließen unseren Puls höher steigen und beizeiten erfüllte den Caddy ein vorfreudiges Aufschreien und Jubeln. Ihren Höhepunkt erreichte die Aufregung als wir gegen 10 Uhr die hölzerne Treppe zur Halle empor stiegen und zum ersten Mal einen Blick auf dieses Auricher Skateparadies werfen durften.

Außer ein paar kleinen motivierten Frühaufstehern, trafen wir lediglich auf Melanie Fischer, die uns schnell als Camp-Teilnehmerinnen identifizierte und willkommen hieß. Der Rest des fünfköpfigen Teams sollte erst gegen Mittag anreisen. Mit solch Pünktlichkeit unsererseits hatte Anna Kruse daher auch nicht gerechnet und musste erstmal angebimmelt werden. Kurze Zeit später konnten wir, nach herzlicher Begrüßung, trotz extremer Hungerattacken und Müdigkeit, der Versuchung nicht widerstehen, unser Urethan ins Rollen zu bringen. Schließlich sahen wir aber doch ein, dass es sinnvoller wäre, erstmal einen Happen zu essen und unseren Kram bei Anna abzuladen.

Ach, und welch Entzücken ertönte da wieder im Angesicht dieses süßen Lebens in diesem niedlichen Häuschen mit dieser riesigen Wiese dahinter, auf der man, wie sich jeder gleich vorstellte, so wunderbar einen Traum aus Asphalt Realität werden lassen könnte!

Nach einer Weile sollten der Blick auf die Uhr und der plötzliche Schreck über die vorangeschrittene Zeit ein Vorzeichen für ein wiederkehrendes Schema der nächsten Tage sein. Gerade noch rechtzeitig erreichten wir den Auricher ZOP um ein auf dem Rücken geschnalltes Skateboard in die Bahnhofshalle verschwinden zu sehen. Diana und Franzi hatten es nach sechsstündiger Fahrt von Kassel nach Aurich geschafft und schlossen mit ihrer Ankunft den Kreis einer Crew, die perfekter nicht hätte sein können. Schade nur, dass Melanie lediglich am ersten Tag Gelegenheit hatte mit uns zu shredden und sich auch keine andere Möglichkeit für ein weiteres Treffen ergab.

Da Anna, zusätzlich zum Proviant im gefüllten Kühlschrank, noch weiter für unserer leibliches Wohl sorgen wollte, gings erstmal zum Supermarkt um vor allem das wichtigste aller Nahrungsmittel einzukaufen. Dass zwei Kästen Bier für 4 Tage nicht reichen sollten, hätten wir uns eigentlich schon denken können, doch zu solch Geistesblitzen war aufgrund akuten Schlafmangels keiner in der Lage. Unser Denken war ohnehin besessen davon zurück in die Halle zu kommen und uns ins Jenseits zu skaten. Vorher jedoch wollte wir es Diana und Franzi nicht vorenthalten sich ebenfalls etwas für die nachfolgende Session zu stärken, zu der wir bereits in brandneuen Iriedaily-Shirts aufliefen, die Anna uns als Willkommensgeschenke gemacht hatte. Schon nach den ersten Pushs über den perfekten Holzboden, war es um uns alle geschehen und dieses intensive Gefühl von frischer Verliebtheit sollte das gesamte Wochenende zu einem unbeschreiblichen Erlebnis werden lassen. Und waren es nur das Lächeln auf unseren Gesichter, das sich nicht mehr legen wollte, das kontinuierliche Kribbeln unter unseren Füßen, das Funkeln in unseren Augen, der verträumte Blick, wenn wir zufrieden zuhause zusammen saßen mit dem Wissen jene Erfüllung morgen wieder zu erleben, was unsere Stimmung auf einem absoluten Höhepunkt zu halten vermochte.

Gelegentlich trugen 10 Kilo Spaghetti ein großen Teil dazu bei sich schnell heimisch und pudelwohl zu fühlen. Trotz anfänglicher Verwirrung über dieses plötzliche Wohlbefinden, in dieser uns fremden Umgebung, unter diesen fremden Menschen, ließen wir uns voller Vertrauen darauf ein und erlebten eine Zwischenmenschlichkeit und Zusammengehörigkeit, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Es war uns als würde unsere gemeinsame Board-Liebe uns auf solch eindringliche Art verbinden, dass wir zu einem Ganzen zusammen wuchsen, in dem jeder einen unersetzlichen Platz einnahm.

Die Euphorie über die qualitativ druckreifen Schnappschüsse von Hobbyfotograf Rainer Tränapp sollte den kompletten Abend anhalten, und selbst Luisa vor betrübtem Gemüt bewahren, die leider wegen einer Fußverletzung aufs Rollen verzichten musste, es aber zu keinem Zeitpunkt bereute mitgefahren zu sein.

Mit einer Hand voll Bierchen wurde auf so manches Erfolgserlebnis, unter anderem, zu Biancas Stolz, auf die Gründung des GörlsRocknRoll Mädels-Skateboard-Vereins, dessen Eintragung kurz zuvor per Telefon eingegangen war, angestoßen. Eine lustige Runde Halli-Galli, in der aufgrund enormer Brutalität meinerseits die Ein-Finger-Regel eingeführt und eine, von Anna bravurös mit unglaublichen 311 Punkten gewonnenen Partie Kniffel, beendete den ersten Abend, an dem jeder schon eine Vorahnung einer tollen Zeit zu haben glaubte.

 

Freitag 12. August: A mords Gaudi!

 

Ob auf eine gewisse weibliche Trägheit oder lediglich leichtlebige Unbeschwertheit (an langen Badzeiten lag es jedenfalls nicht!), worauf es zurückzuführen war, dass wir es grundsätzlich nicht schafften vor Nachmittag das Haus zu verlassen, konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden, ließ aber dank langer Öffnungszeiten des Playgrounds nicht allzu große Nervösität aufkommen. Und so fuhren wir am Freitag Nachmittag erstmal an die Küste um Ottos Leuchturm zu besichtigen, der ungewöhnlicherweise gerade heute geöffnet sein sollte. Ob der Grund für die friesisch herbe Atmosphäre im Jever auf unseren Lippen lag oder mehr durch die salzige Nordseeluft in uns eindrang, wird, wie so manches Gefühl, ein unerklärliches Rätsel bleiben. Der regenlose Himmel lug zu ein paar Aufnahmen und Pipi-Pausen im Freien ein, bis wir schließlich unseren Weg zurück zur Halle antraten. Dort angekommen überkam uns alle schon wieder der Hunger und so wurde kurzer Hand Pizza bestellt, die wir uns im halleneigenen Heimkino bei Skatevideos reinpfiffen. Nach kurzer Verdauungspause kosteten wir, trotz Partyplanung, unser Skatevergnügen bis 22Uhr aus, und beendeten, nach mehrmaligem Drängeln der Mitarbeiter, mit sehnsuchtsvollen Blicken, in denen ein verträumtes „Bis morgen“ zu lesen war, die Session. Wieder war nicht nur mein komplett nass geschwitztes Shirt Beweis für unser Durchpowern, sondern auch eine Menge Footage, das geduldig von Anna zusammen gesammelt wurde.

Der Freitag Abend begann fröhlich in netter Runde, der noch einige Auricher beiwohnten (shout outs an Frauke, Keno, Laura, und den Typ, der Anna noch ein Glas schuldet), mit diversen Cocktails und Knabbereien. Glücklicherweise fand er nach einigen „Babalou“-reichen Zappelstunden im so geschmackvoll, mit aufgeblasenen Gummi-Haien dekorierten Dinis, gegen 6 Uhr morgens sein Ende nicht so feucht, als wenn Anna sich tatsächlich dazu entschlossen hätte ein morgendliches Bad im Kanal zu nehmen. Meine Erinnerung vom Rückweg weist leider etliche Lücken auf und von gewissen Schelten, die ich mir angeblich anhören musste, geschweige denn deren Gründe dafür, weiß ich nichts mehr, außer die erste Kundin beim Bäcker an der Ecke gewesen zu sein, und von meiner Souveränität, mit der ich die sechs Brötchen, in der auf merkwürdige Weise zerfetzten Papiertüte, nach Hause transportiert bekam. Mit den ersten Sonnenstrahlen legten wir uns endlich schlafen, wenn auch nur für ein paar Stunden.

Samstag 13. August: Limette Erdbeere Pflaume? - Banane Banane!

[Übersetzung: Geht’s dir gut? - Mir ist schlecht!]

 

Allseitige Appetitlosigkeit am Samstag Morgen verschob das Frühstück in die frühen Nachmittagstunden, und trotz guter Vorsätze mal etwas früher in die Pötte zu kommen, vertrödelten wir nochmal eine Weile im Supermarkt, weils da ja auch so viele tolle Sachen zu sehen gab. Aufblasbare Philadelphia-Packungen (das perfekte Pool-Accessoire!), ein Kindercomputer mit Fehlersuchbildern, zu Biancas Entzücken frische Krabben und pinke Kaffeekannen für nur 9,99€, zu Annas Enttäuschung kein Looping-Louie, dafür zur allgemeinen Begeisterung Astra-Bier, mit dem wir für einen weiteren alkoholreichen Abend vorsorgten.

Letztendlich blieben uns drei Stunden zum Rollen, die uns unsere Übelkeit und das flaue Gefühl in der Magengegend vergessen ließen. Der Ausflug zum dreißig Minuten entfernten Outdoor-Park wurde aber nicht nur aufgrund des Zeitmangels auf ein anderes Mal verschoben, sondern hätte ohnehin, im Hinblick auf die unbeständigen Wetterverhältnisse, ein zu hohes Risiko dargestellt. Diese sollten sich leider oder, wie manch einer empfand, erleichternderweise, zum Sonntag hin noch verschlechtern, was dazu führte, dass der WE-Cup Contest in Westerstede abgeblasen werden musste. Der Samstag Abend hatte es allerdings auch so sehr in sich, dass kaum einer in der Lage gewesen wäre, etwas anderes als eine blamable Vorstellung zu liefern. Nach mühevollem Aufbauen des Partygrills, dessen niedriger Preis definitiv auf die Mängel in der Beschreibung zurückzuführen war, und kläglichen Flaschen-Trick-Versuchen die Kohle ohne Grillanzünder zum Glühen zu kriegen, bekamen wir die Würstchen und Gemüsetaschen schließlich doch noch zum (Ver)Brutzeln. Was folgen sollte, nachdem uns zwei liebe Gäste gegen 1 Uhr verlassen hatten, empfanden wir als Odyssee in Spähren, die manch einer seit Jahren nicht, wenn überhaupt jemals betreten hatte. Diverse Regeländerungen bei Halli-Galli und die daraus folgenden Versuche die Klingel mit dem Daumen zu treffen oder mit Eierlöffeln einzufangen, verursachten zu Tränen rührende Lachflashs. Nachdem die Halli-Galli-Früchte unsere Gehirne so eingenommen hatten, dass Oliven zu Erdbeeren mutierten, entstand in unserer Fantasie eine Sprache, die die uns damals so unbegreifliche Löffelsprache in den Schatten stellte. "Kelewenntnilewisselewe" über dessen Geheimnis wurden dem bis dato stark aufgepäppelten Allgemeinwissen beigefügt, das vor allem Franzi mit Erklärungen aus allerlei Lebensbereichen zu erweiterten vermochte. Wie hätte ich mir nicht träumen lassen nicht nur gestandene Tricks, ein neues Boardgefühl und massig Motivation, sondern auch ein Verständnis für den unterschiedlich zu lokalisierenden Abbau sämtlichen Schmerztabletten, den PH-Wert gewisser Körperbereiche, das sich Verbreiten von Schimmelsporen und die jahrelang geübte Kunst eine Bierflasche mit einem Feuerzeug zu öffnen, von diesem Wochenende mit nach Hause zu nehmen.

 

Sonntag 14. August: Keine halben Sachen!

 

Der Sonntag sollte leider schneller vergehen als uns lieb war. Da Diana und Franzi schon um 16.30 Uhr abreisen mussten, gaben wir uns erhebliche Mühe mal etwas früher in die Halle zu kommen um letzte Videoclips und Fotos zu schießen. Den Contest hatten wir ja mit Hilfe des Wetter geschickt umgangen und so konnte es direkt zur „Bescherung“ kommen (Shout outs an alle Sponsoren für den großzügigen Support!). Selbst wenn es nur bei ein paar Kleinigkeiten und Stickern für jeden geblieben wäre, wie überaus zufrieden hätten wir uns damit gegeben. Stattdessen durfte sich plötzlich jeder ein neues Deck schnappen und eine Rucksack-Farbe durch die Küche rufen. Als Anna uns nach einigen vor Glück jubelnden Minuten darauf aufmerksam machte, dass wir ja unsere neuen Rucksäcke noch gar nicht geöffnet hätten, erhöhte sich der Lautstärkepegel erheblich, denn auch diese waren gefüllt mit allerhand schickem Stuff. Gegen Ende blieben zwei Sets Glücksrad Wheels übrig, die, wie sich heraus stellte, schwer aufzuteilen waren. Letztendlich erhielten alle eine Rolle eines Sets fürs Schlüsselbund und Diana ein Komplett-Set, das sie sich später, selbst nach etlichen brutalen Bails, für ihren ambitionierten Ehrgeiz beim Drop-In-Versuch durchaus verdiente. Diesen und den allgemeinen Jubel darüber auf Film festgehalten, verstanden wir als krönenden Abschluss, und verabschiedeten uns zu allererst von den Kasseler Mädels, kurze Zeit später von den heiligen Hallen, die uns zu solch fabelhaften Fortschritten verholfen hatte. Nur noch zu viert in Annas Küche am Camptisch zu sitzen, fühlten wir uns schon irgendwie unvollständig. Beim Ravioli-Frustessen versuchten sich Bianca, Luisa und ich seelisch drauf einzustellen ebenfalls in Kürze abzureisen. Die letzten Astra wurden geöffnet, diesmal ganz ohne Plöpp, was wohl auf meine extreme Sentimentalität zurück fiel, und so langsam wie möglich ausgetrunken um die Heimfahrt noch etwas herauszuzögern. Schließlich aber blieb uns keine andere Wahl, hatten wir doch noch drei Stunden Autobahn vor uns, und so verabschiedeten wir uns von einer traurig dreinschauenden Anna, die noch kräftige Komplimente für ihren korrekten Charakter kassierte. Von der Heimfahrt weiß ich nicht allzu viel zu berichten, da mein gepeinigter Körper schon nach wenigen Kilometern den Geist aufgab und in Energiesparmodus überging. Dieses plötzlich Abschalten kann aber auch durchaus als eine Art Flucht aus dieser fast unerträglichen Traurigkeit interpretiert werden. Wie sehr wären wir alle noch ein Weilchen länger geblieben, und wie gerne hätte uns Anna noch ein paar weitere Tage Obdach gewährt, doch fürs Erste sollte der Spaß ein Ende haben.

Dass wir wieder kommen, stand aber ohnehin schon gleich zu Anfang außer Frage, und zwar nicht erst zum nächsten Camp, sondern am liebsten schon in ein paar Wochen, wenn Zeit und Finanzen die Reise zulassen. Bis dahin werden wir einfach weiter in unseren Hometowns rollen, auch wenn die Möglichkeiten dort nicht so ausgeprägt sind wie in Aurich. So infiziert wie wir sind, wird sich dadurch aber keiner den Spaß am Skaten vermiesen lassen. Egal wo wir uns befinden, solange wir unsere Bretter unter den Füßen spüren, erleben wir genau dieses Glück, weil wir es längst in uns selbst gefunden haben. Dieses Gefühl mit anderen teilen zu können, war es was unsere Zeit in Aurich so schön gemacht hat!

In diesem Sinne, ein fettes Dankeschön an Anna für dieses einmalige, atemberaubende und unvergessliche Wochenende! 

text by kathi pilgrim